Archiv der Kategorie: Artikel 2009

Klaus Mann: Der Vulkan

Momentan lässt mir ja die Zeit die Möglichkeit meinen Kopf weiter zubringen und somit ist der Genuss guter Literatur, wobei das natürlich subjektiv bleibt, wieder möglich.
Das Interesse an Exilliteratur wurde schon vor Jahren durch Anna Seghers geweckt, ist dann aber in der letzten Zeit doch eingeschlafen. Was folgte, waren Exkursionen durch die Philosophie und die Geschichte. Nicht zuletzt Adorno folgte auf schnellem Fuße.

Aber nun zu Klaus Mann „Der Vulkan“.
Der Roman umfasst in etwa 600 Seiten und ist zum ersten Male 1939, wenige Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, im Querido Verlag in Amsterdam erschienen. Das Hauptmerkmal liegt hierbei auf den Schicksalen deutscher politischer Emigranten-jüdische Intellektuelle, Kommunist_Innen, Künstler_Innen, Widerstandskämpfer_Innen und exilierte Großbürger_Innen-in der Zeit zwischen 1933 bis 1938. Schauplätze sind, unter anderem, Paris, Zürich, Amsterdam, Spanien, New York, die USA und Hollywood. Klaus Mann hat auch hier einige biografische Elemente eingebaut. Er hielt sich Zeit seines Lebens, um nur einige Aufenthaltsorte zu nennen, in Zürich und Amsterdam auf.
Gegliedert ist der Roman in drei Teile und beginnt mit der Ankunft einer Gruppe von Freunden aus Berlin in Paris 1933. Paris bildet hierbei das Zentrum, von dem aus die verschiedenen Wege der einzelnen Schicksale durch Europa bis nach Amerika zu verfolgen sind. Die Hoffnung, dass das Exil nur von kurzer Dauer und etwas Vorübergehendes sein könnte, lässt sich noch in den ersten Kapiteln des ersten Teiles erkennen.
Einige fangen aber an sich im Exil einzurichten, etwas Neues aufzubauen und andere wiederum geben die Hoffnung auf, begeben sich in die Drogensucht oder bringen sich um.

Klaus Mann gelingt es verschiedene Personen innerhalb des Romans immer wieder direkt miteinander in Kontakt zu bringen, sofern sie sich kennen, oder ihre verschiedenen Lebensentwürfe indirekt miteinander zu verknüpfen, d. h. sie begegnen sich nicht, aber erhalten durch verschiedene Personen Informationen über andere, ihnen, aber nicht den Leser_Innen, unbekannte Menschen. Das selbe zeigt sich im Handlungsstrang. Die Leser_Innen erfahren ein weites Spektrum an Charakteren, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Klaus Mann verliert sich dabei aber nicht in Oberflächlichkeiten, sondern begibt sich in den einzelnen Beschreibungen in eine Tiefe, die eigentlich nur durch eigene subjektive Wahrnehmung zu erfahren ist. Besonderes Augenmerk gilt hier den Drogenerfahrungen, die Klaus Mann höchstwahrscheinlich aus den eigenen Erlebnissen eingebaut hat.
Insgesamt steht immer der Tag der Befreiung im Zentrum ihrer Gedanken, ihres Handelns und ihrer Politisierung. Wenn sie dies noch nicht gewesen sind, als das Exil begann, so wurden sie es spätestens in diesem.
Gegen Ende werden auch die ersten Zweifel an einer Rückkehr nach Deutschland sichtbar.
Die berechtigte Angst vor einem Kriege wird immer beherrschender und zeigt ihnen umso intensiver, dass sie sich selbst im Exil in Europa und in den anderen gewählten Orten am Rande eines Vulkans befinden, der jeden Moment droht auszubrechen.

Klaus Mann schreibt stilistisch sehr intensiv. Er bezieht seine Leser_Innen in die Gedanken der jeweiligen Personen mit ein und lässt sie somit an allem teilhaben. Mit allzu detaillierten Beschreibungen der Umgebung, in der sie sich aufhalten, hält er sich jedoch zurück.
Insgesamt ist es ein sehr gelungenes Buch, dass alle, die es lesen, in die Höhen und Tiefen der Menschen in „ihrem“ Exil miteinbezieht und einen doch betroffen, nachdenklich, aber auch amüsiert, jedoch nicht ratlos zurück lässt.

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Die Geschwister Oppermann.

Den Sommer über zu lesen lohnt sich in jedem Fall. Neben einigen anderen Büchern begleitete mich auch das Werk von Lion Feuchtwanger „Die Geschwister Oppermann“ dem zweiten Band aus der Wartesaal-Triologie. Diese umfasst noch die Bände „Erfolg“ und „Exil“. Bei allen drei Büchern handelt es sich um Exilliteratur. Wobei „Erfolg“ nicht im Exil geschrieben wurde, es erschien schon 1930 und entstand ab 1927, aber zu den anderen beiden Werken dazu gezählt wird und somit auch als „Exilwerk“ angesehen werden kann.
„Exil“ entstand in der Zeit von Feuchtwangers Exil in Frankreich in den Jahren 1937-1939. Es schildert den Alltag eines deutschen Komponisten im französischen Exil.
Dazu aber an selber Stelle später mehr. Ich lese….

Aber zurück zu den „Geschwister Oppermann“. Von 1933 bis 1935 erschien dieses Werk unter einem veränderten Titel: „Die Geschwister Oppenheim“. Grund dafür war die Tatsache, dass ein Nazi, der den Namen Oppermann trug, gegen Feuchtwangers Bruder, welcher noch in Deutschland lebte, Drohungen aussprach.
Als Lion Feuchtwanger die „Geschwister Oppermann“ verfasste, lebte er bereits im Exil in Südfrankreich und schrieb die gerade erlebten Eindrücke sofort auf, um sie für immer fest zu halten.
Erzählt wird die Geschichte der fiktiven Geschwister Oppermann. Diese orientiert sich aber an den Kenntnissen, die Feuchtwanger schon ab 1933 über das Nazi-Regime durch Erzählungen und Erlebnisberichte sammeln konnte und musste. Begleitet werden die Geschwister Gustav, Martin, Edgar und Klara und ihre Familien von 1932 bis Ende 1933. Hintergrund bildet die Machtergreifung Hitlers und die aufkommenden Schikanen, Festnahmen, Verhöre und die Ermordungen in den Konzentrationslagern, die auch immer mehr die Familie Oppermann betreffen.

Martins Sohn Bertoldt Oppermann bekommt in seiner Schule einen neuen Lehrer, Herrn Vogelsang, nachdem sein früherer Lehrer wegen eines Autounfalls ums Leben gekommen ist. Dieser Herr Vogelsang ist ein früher „Vorkämpfer“ und „Vertreter“ der „nationalsozialistischen Sache“ und will den „Jungens“ richtiges „Deutschtum“ am libertären und humanistischen Gymnasium „beibringen“. Bertoldt Oppermann sollte einen Vortag über humanistische Ideale halten, den er noch von seinem früheren Lehrer erhalten hat. Vogelsang sieht darin „die Dolchstoßlegende“ bestätigt und kann humanistischen Idealen nichts abgewinnen, bezeichnet diese als einen Grund für die „verweichlichte“ Weimarer Republik und gibt Bertholdt ein neues Vortragsthema: „Hermann, der Deutsche und seine Bedeutung für die heutigen Deutschen“. Vogelsang tut dies, weil er weiß, dass Bertoldt Jude ist und somit das Sinnbild und der Stereotyp für die internationale Verschwörung, die Deutschland an den Abgrund geführt hat.
Bertoldt begibt sich also an das Thema. Am Tage seines Vortrages stellt er die These auf, dass „Hermann, der Deutsche“ in der entscheidenden Schlacht nicht mit Nachsicht und rationalem Verstand gehandelt hat, sondern aus purem Instinkt heraus. Nicht überlegt und ohne Weitsicht. Vogelsang sieht darin eine verräterische Aussage und schießt sich von nun an auf Bertoldt weiter ein. Vogelsang sieht die „jüdische Verschwörung“ in Bertoldts Vortrag bestätigt. Dieser soll sich nun vor der gesamten Schule entschuldigen und seine These zurücknehmen. Da sich aber Bertoldt die nächsten Wochen nicht zu einer „Entschuldigung“ entschließt, wird er immer mehr von den Dingen, die ihm wichtig sind, ausgeschlossen. Der Druck auf ihn wird durch die Machtergreifung Hitlers nur noch größer, da jetzt auch Vogelsang immer mehr Oberwasser bekommt. Der Direktor der Gymnasiums, ein Vertreter humanistischer Ideale und Werte, kann schließlich auch nicht anders handeln, als Bertoldt dazu zu bewegen sich zu entschuldigen. Bertoldt entschließt sich schließlich dafür, aber mit folgenreichen Konsequenzen…

Sehr stark beschreibt Lion Feuchtwanger in seinem Zeitroman die innere Zerrissenheit der einzelnen Personen zwischen dem Glauben, dass die „Völkischen“ von sich aus wieder verschwinden und der Tatsache, dass es doch etwas ist, was bleiben wird. Es wird die Verzweiflung gezeigt das alles nicht wahr haben zu wollen. Dass nicht sein kann, was nicht dem geistigen Niveau Schillers und Freud entspricht.
Dass man sich über drei Generationen hinweg eine Existenz aufgebaut hat, welche nun nach und nach unwiederbringlich zerstört wird.
Dass der Glaube an die „Kulturnation“ größer ist, als das Wahrnehmen der Realität.
Dies geschieht alles sehr detailliert und ruhig. Es ist ein ruhiges Buch, welches dennoch betroffen macht und man am liebsten den Menschen sagen würde: „Ihr irrt Euch.“

Es ist lesenswert. Vor allem schon deswegen, weil es für viele Menschen der damaligen Umstände exemplarisch steht. Für ihren Glauben an die Vernunft im menschlichen Verstand…

Lion Feuchtwanger: Exil

Lion Feuchtwangers Roman Exil ist der dritte Band der Wartesaaltriologie. Entstanden ist er von 1935 bis 1939, erschien aber erst 1940.
Auch hier zeigt sich mal wieder, wie geschickt Lion Feuchtwanger es versteht unterschiedliche Geschichten zu einer einzigen Handlung zusammen zu bringen. Mehrere Existenzen laufen in diesem Roman gleichzeitig ab. Zwei Seiten werden intensiv gezeigt. Zum einen die Seite des „neuen Deutschlands“, d. h. der Vertreter des nationalsozialistischen Regimes in Paris mit all ihren Erbärmlichkeiten und Widerwärtigkeiten, allen voran ihren Versuchen die „PN“, eine Zeitung, welche von Emigranten gegründet wurde, zu zerstören, und zum anderen die Seite der Emigranten, die den sehr schwierigen Alltag eines solchen Lebens in der Emigration zeigt.

Sepp Trautwein lebt zu Beginn des Romans schon zwei Jahre in Paris. Der jüdische Komponist floh mit seiner Familie von München vor den Nazis. Als Friedrich Benjamin, der Redakteur der „PN“, den Auftrag erhält für einige Tage nach Basel zu verreisen, bittet er Trautwein in dieser Zeit seinen Posten als Redakteur zu übernehmen. Es stellt sich jedoch raus, dass die Fahrt nach Basel für Benjamin eine Falle gewesen ist. Er wird von den Nazis in der Schweiz entführt und über die Grenze nach Deutschland verschleppt.
Als die Nachricht von Benjamins Verschleppung bekannt wird, arbeitet Trautwein noch intensiver in der Redaktion der „PN“ als er das bis zu diesem Zeitpunkt eh schon tat. Er kämpft mit allen publizistischen Mitteln für Friedrich Benjamins Freilassung.

Ein Gegenspieler Trautweins ist der intelligente und begabte nationalsozialistische Publizist Erich Wiesener, der in einer Beziehung zur „Halbjüdin“ Lea de Chasseffierre steht und mit der er einen gemeinsamen Sohn, Raoul, hat. Durch diese Beziehung lebt er im Widerspruch zu der, von ihm vertretenen, Ideologie. Da er weiß, dass er für beide Seiten durch diesen Fakt, angreifbar ist und dadurch seine Stellung innerhalb der Machthierarchie der Nazifunktionäre in Paris gefährdet ist, entwickelt er einen Plan zur „Liquidierung“ der „PN“.
Der jüdische Geschäftsmann Gingold, der die „PN“ finanziert, wird dabei indirekt mit eingespannt, da er sich von einem Angebot überzeugen lässt, das ihm finanzielle Mittel zur verspricht, wenn er den politischen Kurs der „PN“ abschwächt bzw. ganz ablegt. Das dahinter die Machenschaften Wieseners stecken, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand. Gingold verliert aber über dieses „Unternehmen“ zunehmend die Kontrolle und wird selbst zum Handlanger der Nazis, da er seine, in Deutschland wegen „Rassenschande“ verhaftete Tochter, retten möchte. Somit entlässt er Trautwein, der sich in den letzten Monaten durch ausdrucksstarke und politische Artikel einen Namen gemacht hat. Kurz darauf nimmt sich Trautweins Frau, die bisher den Lebensunterhalt der Familie allein bestritten und das Angebot ihres Chefs, mit nach London zu gehen, abgelehnt hat, das Leben. Auf Grund der Entlassung Trautwein verlassen auch alle anderen Journalisten die „PN“ und gründen eine neue Zeitung.
Trautwein schreibt wieder vermehrt musikalische Kompositionen. Seine Erfahrungen, der Befreiungskampf um Friedrich Benjamin, der Tod seiner Frau und seines Freundes Harry Meisel, veranlassen ihn dazu. Zunehmend wird er mit diesen Kompositionen immer erfolgreicher. Lea trennt sich von Weisener und veranstaltet kurz darauf in ihrem Haus ein Konzert für Trautwein. Sie spendet einen Teil der neu gegründeten P. D. P. . Kurz darauf wird Friedrich Benjamin freigelassen…

Klaus Mann: Flucht in den Norden

Das dritte Buch, das ich von Klaus Mann gelesen habe. Wieder einmal ein guter Treffer, der mich weder gelangweilt noch genervt hat.

Flucht in den Norden erschien 1934 im Querido Verlag in Amsterdam und war der erste Roman, den Klaus Mann im Exil geschrieben hatte.

Im Gegensatz zu „Der Vulkan“ ist die Anzahl der hier beschriebenen und erschienen Personen sehr übersichtlich. Das hat den Vorteil, dass mensch sich nicht im Geflecht der einzelnen Konstellationen und Charaktere verliert.
Johanna flüchtet aus politischen Gründen, sie ist Kommunistin, aus Deutschland ins Exil nach Finnland zu einer Freundin auf deren familiäres Gut, die sie während des Studiums in Berlin kennen gelernt hat. Karin, Johannas Freundin, holt sie am Hafen der Hauptstadt ab und begleitet sie auf das Gut. Dort lernt Johanna Ragnar, Karins Bruder, kennen und verliebt sich sehr heftig in diesen. Mit ihm unternimmt sie Ausflüge in die Umgebung des Landes und verliert sich für eine Weile in der unendlichen Weite Finnlands und in ihrer Leidenschaft zu Ragnar. Sie bemerkt nur ganz leicht, dass sie sich von Karin immer mehr entfernt, diese darunter leidet, aber es mit „Weisheit“ aufnimmt und verarbeitet, und ihre politischen Ideale und Überzeugungen eine zeit lang verliert. Dabei sollte ihr Aufenthalt in Finnland nur eine Zwischenstation auf dem Wege nach Paris darstellen, denn sie möchte ihren Genoss_Innen dort sehr bald im Kampf gegen Deutschland zur Seite stehen.
Ein Brief aus Paris holt sie dann aber dennoch in die Realität zurück. Ein Freund-Bruno-ist wegen Arbeiten gegen das Regime mit den dortigen Genoss_Innen nach Deutschland gereist, wurde dort verhalftet und auf der Flucht erschossen.
Sie wird nach Paris gerufen und gebeten mit ihren Freunden den dortigen Kampf gegen Deutschland fort zu setzen. Johanna folgt.

Klaus Mann beschreibt in seinem Roman sehr treffend die innerlichen Konflikte und die Zerrissenheit, in denen sich Johanna befindet, da sie sich zwischen „privatem Glück“ und politischer Verantwortung entscheiden muss. Dieser Konflikt begleitet sie mal stärker, mal schwächer, aber doch die ganze Zeit, während ihres Aufenthalts in Finnland. Sie ist hin und her gerissen. Teilweise auch sehr verzweifelt, dass sie, um den Moment mit Ragnar anzuhalten, mit ihm in den gemeinsamen Tod gehen möchte.

Daneben ist es eine Hommage Klaus Manns an die finnische Landschaft, die er zusammen mit seiner Schwester Erika 1932 besucht hat. Er tut dies sehr still und unaufdringlich im Hintergrund, aber es ist dennoch immer gegenwärtig.

Alles in allem doch ein eher ruhiges Buch, dass im Kontrast zu dem rastlosen Roman „Der Vulkan“ steht. Bei diesem ist es allerdings auch beabsichtigt gewesen, da die Leser_Innen durch die verschiedenen Stationen der Charaktere in deren Exil geführt werden. Und ein ständiges, von außen aufgezwungenes Exil, kann nicht ruhelos und still sein.